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FLUG REVUE 12/2016

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Raumfahrt-EXTRA

Raumfahrt-EXTRA ESA-Astronaut Thomas Pesquet Sieben Jahre musste der Franzose Thomas Pesquet auf seinen ersten Flug zur Internationalen Raumstation ISS warten. Doch das hat nicht nur Nachteile: „Ich bereite mich seit Langem auf diese Reise ins All vor. Das gibt eine gewisse Sicherheit“, sagt der 38-Jährige. Der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur und ausgebildete Linienpilot wurde im Mai 2009 zusammen mit den beiden Italienern Luca Parmitano und Samantha Cristoforetti, dem Dänen Andreas Mogensen, Alexander Gerst aus Deutschland und dem Briten Timothy Peake unter mehr als 8000 Bewerbern von der ESA ausgewählt. Er ist der Jüngste dieser Astronautenklasse und der Letzte, der zu seinem Erstflug zur ISS aufbricht. Am 16. November ist es so weit: Von Baikonur aus wird Pesquet zusammen mit der NASA-Astronautin Peggy Whitson und dem russischen Kosmonauten und Kommandanten Oleg Nowizki zu einer Langzeitmission starten. Zuvor lernte Pesquet Russisch, absolvierte Parabelflüge, schlug sich bei mehreren Survivaltrainings in sengender Hitze und eisiger Kälte durch und wanderte mit Teamkollegen durch Höhlen auf Sardinien. Er übte Spacewalks unter Wasser bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA in Houston und vor der Küste Floridas. Nach hunderten Stunden im Simulator kennt er die Systeme der Raumkapsel Sojus und der ISS in- und auswendig. „Wir trainieren alle möglichen Notfälle und Fehler immer und immer wieder. Wir sollen mit jeder Trockenübungen Unzählige Trainingseinheiten hat Thomas Pesquet absolviert, seit er 2009 für das ESA-Astronautenkorps ausgewählt wurde. Nun darf er endlich zur ISS. Situation umgehen können. Auf technischer Seite gibt es nichts, wovor wir Angst haben müssten“, sagt Pesquet. Der anspruchsvollste Teil der Vorbereitung war für Pesquet im Rückblick das mehrtägige Winter-Überlebenstraining in Russland. „Ich hatte Hunger, es war kalt, und ich habe nachts kaum geschlafen. Dennoch habe ich eigentlich nur Mission Proxima gute Erinnerungen – an Momente des Lachens, Momente der Kameradschaft.“ Das viele Training wird sich bei seinem 180 Tage langen Aufenthalt im All auszahlen. „Wir haben ein sehr vollgepacktes Programm, vielleicht voller als üblich“, sagt er. Auf dem Plan der Expedition 50/51 stehen vier Außenbordeinsätze: zwei Ende des Jahres, um Batteri- Der Name Proxima für Thomas Pesquets Mission wurde 2015 bei einem Wettbewerb aus mehr als 1300 Vorschlägen ausgewählt. Proxima ist der Stern, der der Sonne am nächsten ist. Pesquet ist der zehnte Franzose im All und wird während seiner sechs Monate auf der ISS den Expeditionen 50 und 51 angehören. Die Rückkehr zur Erde ist für den 15. Mai 2017 geplant. Als nächster Europäer fliegt der Italiener Paolo Nespoli ins All. Der dann 60-jährige ESA-Astronaut startet im Mai für fünf Monate zur ISS. Es wird nach 2007 und 2010 seine dritte Mission auf der Internationalen Raumstation sein. 74 FLUG REVUE RAUMFAHRT EXTRA 2016 www.flugrevue.de

Beim Höhlentraining der ESA geht es um Orientierung und Teamwork. Auf dem Trainingsplan standen auch Landungen im Wasser. 180 Tage lang wird Pesquet die Erde aus dem All beobachten können. Peggy Whitson, Oleg Nowizki und Thomas Pesquet (v. l.) fliegen zur ISS. Pesquet ist bei den Expeditionen 50 und 51 Flugingenieur. Fotos: ESA, NASA (2) en an zwei Solarpaneelen auf der Backbordseite der Station auszutauschen, und noch einmal zwei im April 2017, wenn ein Dragon-Frachter von SpaceX weiteres Equipment zur ISS bringt. Ob das Raumschiff des privaten US-Unternehmens wirklich fliegen kann, ist nach der Explosion einer Falcon-9-Rakete Anfang September allerdings noch unklar. Ebenfalls noch nicht entschieden ist, ob Pesquet bei einem, allen oder keinem der Spacewalks dabei sein wird. VERSUCHSKANINCHEN UND FORSCHER IN EINER PERSON Langweilig wird dem Franzosen aber auch so nicht werden, denn ein Hauptteil seiner Arbeit dreht sich um Wissenschaft. „Wir haben rund 50 Experimente aus allen Fachgebieten: Materialwissenschaft, Physik, Medizin, Physiologie.“ Im europäischen Columbus-Modul wird Pesquet beispielsweise viel Zeit mit dem ESA-Trainingssystem MARES (Muscle Atrophy Research and Exercise System) zur Untersuchung von Muskelschwund verbringen. Ein weiteres Experiment soll das schwindende Sehvermögen im All und seine Ursachen untersuchen. Erstmals bei einer Langzeitmission getestet wird ein neuer Raumanzug, der die fehlende Schwerkraft durch Druck auf den Körper ausgleichen und dadurch Rückenschmerzen verhindern soll. Pesquet wird aber auch Versuche mit antibakteriellen Materialien durchführen, die in künftigen Raumschiffen und -stationen, aber auch an stark frequentierten öffentlichen Orten eingesetzt werden könnten. Erprobt wird zudem ein tragbares Ultraschallgerät, das von der Erde aus gesteuert werden kann. So könnten Ärzte Astronauten oder Menschen an weit entfernten Orten einfach untersuchen. Neben wissenschaftlichen Versuchen, Instandhaltungsarbeiten an der ISS und den obligatorischen zwei Stunden Sport pro Tag gehört es auch zu Pesquets Aufgaben, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren – ob über soziale Medien wie Twitter, Facebook und Instagram, seinen persönlichen Blog bei der ESA oder eine wöchentliche Radiosendung bei France Info. Dass er das in seiner knappen Freizeit machen muss, stört ihn aber nicht weiter: „Als Kind war ich frustriert darüber, dass es so wenige Informationen über Raumfahrt gab. Heute bemühen wir uns, unsere Erfahrungen mit möglichst vielen Menschen zu teilen und sie dadurch auf unsere Reise mitzunehmen.“ FR ULRIKE EBNER www.flugrevue.de FLUG REVUE RAUMFAHRT EXTRA 2016 75

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